Die gesamte Sondermann-Laudatio von Andreas Platthaus (FAZ)

19. Oktober 2010

Laudatio auf „Jakob“ von Benjamin Schreuder und Felix Mertikat

In den letzten Jahren haben Studierende von deutschen Kunsthochschulen einige der schönsten einheimischen Comics hervorgebracht, und es wurden auch einige Sondermann-Preise in der Newcomer-Kategorie dafür vergeben; man denke nur an Arne Bellstorf, Maki oder Michael Meier. Doch nie hatten wir einen Comic ausgezeichnet, der uns vom ersten Blick an makellos erschien; unser Kriterium war immer auch das Potenzial, das wir zu erkennen glaubten – und das sich erfreulicherweise bei den jeweiligen Entscheidungen auch immer bestätigt hat. Die eigentliche Probe folgt ja später: In den Hochschulen ist man wagemutig, erst im freien Berufsleben wird man dann als Künstler notgedrungen professionell.

Diesmal ist das anders. Mit „Jakob“, dem Sondermann-Newcomer-Preisträger 2010, haben Benjamin Schreuder und Felix Mertikat ein Buch veröffentlicht, hinter dem man zwei alte Hasen im Geschäft vermuten sollte, so perfekt ist es geraten. Dabei sind beide noch keine dreißig Jahre alt, und es ist ihr gemeinsames Comicdebüt. Beider Talent wurde auch in einer deutschen Universität geschliffen, aber in einer Filmhochschule – der von Ludwigsburg, wo einer der interessantesten Trickfilmausbildungsgänge Europas angesiedelt ist. Schreuder und Mertikat sind also gar keine Comickünstler, sie sind Filmschaffende: Schreuder ist ein ausgebildeter Drehbuchautor, Mertikat ein Animator. Und in genau dieser Rollenverteilung zwischen Szenarist und Zeichner haben sie denn auch ihr ausgezeichnetes Buch erstellt.

Daß sie für „Jakob“ die Form eines Comics gewählt haben, beruht auf einer ästhetischen Entscheidung. Der Grenzgang zwischen Comic und Bilderbuch, aber auch zwischen Sage und Fantasy, Horror und Märchen, den beide eingeschlagen haben, macht sich am besten zwischen zwei Buchdeckeln, weil Schreuder eben so viele literarische Genres in die Handlung miteinbezogen hat. Und Mertikats Bilder ergänzen das Ganze zu einer Erzählung, die zwar einen Film in Gang setzt, aber nur im Kopf der Leser, die das Geschehen um all die Übergänge ergänzen, die das Künstlergespann ausläßt, weil die schlaglichtartige Erzählweise des Comics perfekt zu der an- und ausdeutungsreichen Geschichte paßt. Über den Tod, das große Thema von „Jakob“, kann man ja gar nicht anders erzählen als in An- und Ausdeutungen. Jedes Wort über ihn ist notwendig ohne eigene Anschauung, also reine Phantasieleistung. Nur fair, daß die beiden Autoren da auch die Phantasie ihrer Leser mit in die Pflicht nehmen.

„Jakob“ zeichnen wir aber auch aus als ein höchst ungewöhnliches graphisches Werk, das im seltenen Querformat alle Register der Seitenarchitektur und Panelarrangements zieht. Der Wechsel zwischen großen Tableaus und winzigen Einzelbildern rhythmisiert das Geschehen auf eine Weise, die eine einheitlich große Filmleinwand gar nicht leisten könnte. Daß der gezeichnete Teil dieses Comics nie gegenüber dem geschriebenen zurückfällt, das ist bei diesem Stoff eine besonders begeisternde Leistung. Und daß ganz nebenbei auch eine der in Deutschland noch so seltenen Autor-Zeichner-Kooperationen heute mit dem Sondermann-Newcomer-Preis geehrt wird, das ist für uns als Juroren eine ganz spezielle Zusatzfreude – spricht es doch für die immer wieder eingeforderte Professionalisierung des hiesigen Metiers und gegen die verbreitete Arroganz eines Originalgeniegedankens in der Kunst- und Erzählform Comic.

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